Der Untergang von Plurs

Es war einmal...

Manchmal erzählen uns Ortsnamen von Land und Leuten. Im Falle von Plurs ist es eine tragische Geschichte, denn Plurs leitet sich vom Weinen ab. Zuvor war der Name des lieblich gelegenen Städtchens am Ausgang des Bergell Richtung Italien Belfort, die Schöne. Doch beginnen wir die Erzählung von vorne.

Plurs
Plurs
Wikimedia Commons / BKLuis

Die Bürger von Plurs hatten lange Zeit von ihrer Lage, von der Nähe zum reichen Italien, profitiert und waren am Seidenhandel mit dem grossen Venedig beteiligt. Doch das war nicht der einzige Quell ihres Wohlstands. Sie verstanden sich auch auf den Bergbau und holten Silber aus den sie umgebenden Bergen. Die Gruben waren so ergiebig, dass die Lasttiere in einem nicht enden wollenden Zug das zutage geförderte Erz ins Tal schleppten. Und nicht nur das. Auch reines Gold fanden die Belforter. Wie so oft, wenn unerwarteter und vielleicht auch unverdienter Reichtum über die Menschen kommt, brachte der Wohlstand die bewährte Ordnung durcheinander.

Das einfache, aber rechtschaffene Leben, das die Belforter zuvor geführt hatten, legten sie rasch ab. Sie begannen zu prassen und zu prahlen. Noch schlimmer: Sie machten sich über alle anderen, die nicht so reich waren, lustig. Sie wollten auf einmal nicht mehr wahrhaben, dass sie vor Kurzem noch in grob gestrickte Kleider gewandet waren und ihre Vorfahren ihr karges Brot mit dem Schafehüten verdient hatten.

Als es eine Hochzeit zu feiern gab, inszenierte das Dorf dieses Fest in einem Prunk, den nie zuvor jemand gesehen hatte. Die Gäste kleideten sich in seidene Tücher, das Brautpaar war unter einem Berg von Goldschmuck kaum zu erkennen. Der Weg zur Kirche war mit Teppichen aus Samt ausgelegt. Träger spendeten dem Brautpaar mit einem Baldachin Schatten, der mit Goldfäden bestickt war. Das Festessen wurde nicht in den althergebrachtenm Tonschüsseln serviert, sondern auf goldenen Tellern, auf denen die

Feiernden das beste Wildbret in ungeheuren Mengen mit silbernem Besteck aufspiessten.

Mit prall gefüllten Bäuchen und dem Stolz in der Brust, sich einen solchen Luxus leisten zu können, torkelte die Gästeschar später zu einem Verdauungsspaziergang an den Ufern des Bächleins Maira entlang. Da hörten sie das Blöken eines Lämmleins, das den Anschluss an die Herde verloren hatte. Die Braut fühlte sich von den Hilferufen des Lämmleins in ihrer Ruhe gestört und forderte ihre Begleiter auf, sie von den Geräuschen zu erlösen.

Der Bergsturz von Plurs 1618
Der Bergsturz von Plurs 1618
kulturarchiv.ch

Das taten sie. Sie fesselten das Tier und zogen ihm bei lebendigem Leibe die Haut ab, sodass es qualvoll starb. Die Plurser konnten kaum genug lachen über diesen Einfall. Das Lämmlein war kaum verendet, da begannen die Hausberge von Plurs, Simetta und Gonto, zu beben. Gewaltige Spalten taten sich auf, als ob die Berge auseinanderbrechen wollten. Die Erde zitterte und die Berge stürzten in einer todbringenden Lawine ins Tal. Die Luft füllte sich mit Staub und begrub die ganze Stadt unter sich.

Der Bergsturz traf alle gleichermassen. Er machte keinen Unter schied zwischen den Häusern der Armen und der Reichen. Auch die Speicher, in denen die feinen Stoffe und die Edelsteine lagerten, wurden vernichtet. Das übermütige Plurs verschwand von der Landkarte. Nur noch die Spitze des Kirchturms ragte aus dem riesigen Steinhaufen hervor.

Der Schaden der Plurser brachte anderen Segen. Die Fuhrleute die mit den Waren der Plurser gerade untcerwegs waren, konnten diese nun nicht mehr bei den Besitzern abliefern und behielten sie. Ein solcher Fuhrmann wurde dadurch so vermögend, dass er sich ein Haus in Basel bauen lassen konnte. Über den Eingang hängte er eine Tafel, auf der zu lesen war: “An Gottes Segen ist alles gelegen.” Ein Knecht, der sich noch gut erinnern konnte,

durch welchen Zufall sein Herr zu seinem Vermögen gekommen war, schrieb eines Nachts, als er gerade aus dem Wirtshaus heim gekommen war, darüber: Du hättest wenig Segen, wenn Plurs nicht wär' erlegen.”

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