Diese Rapperin stellt momentan Deutschlands Popwelt auf den Kopf - heute spielt sie in Zürich

Wir haben Shootingstar Haiyti zum Interview getroffen.

Schlagfertig, frech und polarisierend: Mit ihrem Debütalbum „Montenegro Zero" krempelt die Hamburger Rapperin Haiyti die Hip-Hop-Welt um. Heute gibt sie im Zürcher Club Exil ein Konzert - wir haben sie vorab zum Interview getroffen.

Eine Aussenseiterin auf der Überholspur

Bei manchen Menschen merkt man sofort, dass sie anders sind. Zum Beispiel bei Haiyti. Die Hamburger Rapperin, deren Major-Debüt „Montenegro Zero“ gerade überall als die Rettung des deutschen Hip-Hop gefeiert wird, scheint irgendwie in ihrer eigenen Welt zu leben. Sie schweift beim Reden oft ab mit den Gedanken, schiebt sich die Brille auf die Nase – was war noch mal die Frage? Sie sagt Sätze wie „ich kann mich nicht so gut verkaufen“ und wirkt tatsächlich ein bisschen ungeschickt in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Dass sie nicht der Norm entspricht, weiss sie selbst. „Ich hatte zwar immer meine zwei bis drei Freunde, ich war keine Aussenseiterin, aber richtig reingepasst habe ich nie – ob in der Grundschule, beim Kellner-Job oder im Studium“, lächelt sie. „Auf der einen Seite wollte ich anders sein, aber auf der anderen Seite leide ich natürlich auch darunter, im normalen System oder in Gruppen nicht angenommen zu werden. Die meisten Menschen reagieren gleich auf bestimmte Dinge, aber ich reagiere einfach anders.“ Kein Wunder, dass auch ihre Musik anders ist. Vor gut einem Jahr, Haiyti hatte gerade ihr Mixtape „Toxic“ veröffentlicht, war sich die Zeit schon sicher: „Eine Pop-Revolution bahnt sich an“, schrieb die Zeitung damals. Und tatsächlich klingt die 24-Jährige auf „Montenegro Zero" wie niemand sonst im deutschen Hip-Hop.

Musik in die Wiege gelegt

Doch der Reihe nach. Haiyti, die bürgerlich Ronja Zschoche heisst, wurde 1993 geboren und wuchs im Hamburger Stadtteil Langenhorn in einfachen Verhältnissen auf. Ihre Mutter fuhr erst Taxi und wurde dann Lehrerin an einer Musikschule, ihr Vater hatte sich da längst aus dem Staub gemacht. Schon in jungen Jahren fing Haiyti an zu singen. „Meine Mutter hat Kindermusik geschrieben und mit fünf habe ich das erste Mal auf einer CD gesungen“, verrät sie. „Sie hatte auch eine normale Band. Und Jango Edwards, der amerikanische Clown, bezeichnet mich als seine ‚second daughter’. Gemeinsam mit seiner Tochter, die noch heute eine sehr gute Freundin ist, war ich ständig bei seinen Shows. Ich bin praktisch im Showbusiness gross geworden.“

Einzigartiger Stil mit prominenter Unterstützung

Als Jugendliche kam Haiyti dann mit der Hip-Hop-Szene in Berührung und sorgte mit ihren Mixtapes schnell für Aufsehen: Das Hip-Hop-Magazin Juice nahm die Kunststudentin aufs Cover, Dendemann, Haftbefehl und Deichkind outeten sich allesamt als Fans. Auf „Montenegro Zero“, das mit dem Berliner Produzentenkollektiv Kitschkrieg entstand, führt sie ihren unverwechselbaren Stil nun fort. Genre-Regeln sind der Kunststudentin egal.

Was ihr in den Kopf kommt, haut Haiyti einfach raus: Hip-Hop, Rap, Autotune. Ihre Songs sind laut, grell und bunt, voll mit Einflüssen aus Trap und Dirty South – so nennt man den Gangsta-Rap der amerikanischen Südstaaten. Sie haben trotz aller Härte aber auch eine Menge Pop-Appeal, deswegen nennt sie selbst ihren Stil auch „Gangsta-Pop“. „Viele kopieren die Texte, Beats und Themen aus den Staaten einfach, aber das wollte ich nicht“, sagt sie. „Das ist schon ein neuer Stil, den ich mache.“

"Diese Normcore-Bitches kommen auf mich einfach nicht klar"

Das liegt nicht zuletzt an ihren Texten: Egal ob frech oder schlagfertig, nachdenklich oder verletzlich, Haiytis Lyrics sind so anders und gegensätzlich wie sie selbst.„Ich hab’ 100.000 Fans, die mich noch nicht kennen“, kokettiert sie in „Havarie“. Sie entpuppt sich als grossartige Beobachterin, wenn sie vom Leben am Hauptbahnhof rappt („Haubi“), lässt die Hörer aber auch ganz nah an sich heran, wenn es in „Gold“ um die Liebe geht („Was soll ich mit allem Gold der Welt? Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir“).

Eine Menge Songs drehen sich um Partys, manchmal, so wie in „Kate Moss“, weiss man aber auch gar nicht, wovon Haiyti rappt. Und in dem Stück „Serienmodell“ heisst es: „Ich bin ganz anders, ganz speziell, ich bin ein Serienmodell“. Was denn nun? „Ach, das soll einfach nur verrückt sein“, sagt sie, hat dann aber doch noch eine Erklärung parat. „Ich habe festgestellt, dass ich ziemlich polarisiere. Diese Normcore-Bitches kommen auf mich einfach nicht klar. Das sind so ganz normale Mädchen, die Angst haben, dass jemand Neues in eine Gruppe kommt und eklig werden. Für diese Leute habe ich den Song geschrieben. Denn ich führe jetzt eigentlich ein besseres Leben als sie.“ Haiyti revolutioniert jetzt schliesslich den Hip-Hop. Eine Rolle, mit der sie sich übrigens durchaus anfreunden kann. „So wie Che Guevara!“, grinst sie. Viva la Rapolution!

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Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Printausgabe von LikeMag. Du findest sie in Zeitungsboxen an hochfrequentierten Standorten in Zürich, Bern und Basel oder hier online. Viel Spass beim Weiterstöbern!

Publiziert am 04.03.2018 / 19:39