Migros-Weihnachtswichtel im Exklusiv-Interview: "Mein Leben als Barcodesklave"

Sein Werbespot rührt die Schweiz - doch seine Enthüllungen schockieren!

Der diesjährige Weihnachtswerbespot der Migros rührt aktuell nicht nur Zuschauerinnen und Zuschauer zu Tränen, er führt auch Ungeheuerliches zu Tage: Offenbar werden die Barcodescanner sämtlicher Kassen des Detailhändlers von kleinen Wichteln betrieben. Was auf den ersten Blick süss erscheinen mag, stellt sich im Verlauf unserer Recherchen als schwer bedenklich heraus. LikeMag ist es gelungen, mit einem der Kassenwichtel in Kontakt zu treten und ihn zu einem exklusiven Interview zu bewegen. Er berichtet von haarsträubenden Arbeitsbedingungen und sieht dringendem Handlungsbedarf. Hier ist seine Geschichte.

Wir treffen F. (Name der Redaktion bekannt) in unseren Redaktionsbüros, kurz vor Beginn seiner Schicht im Migros am Zürcher Limmatplatz. Wie ihm die kurzzeitige Flucht aus seiner Arbeitskammer gelungen ist, möchte F. nicht preisgeben, da er befürchtet, dass diese Sicherheitslücke von seinem Arbeitgeber behoben werden könnte. Nur so viel: Den Weg vom Limmatplatz zur Sihlhallenstrasse legte F. auf dem Rücken eines streunenden Malteserhundes zurück, was genau so niedlich aussieht, wie du es dir vorstellst. Wir bieten F. einen Fingerhut mit Kaffee an und beginnen mit unseren Aufzeichnungen.

Was lange Zeit nur als Gerücht galt, bestätigt die Migros nun offiziell in ihrer Weihnachtskampagne: Wichtel wie du arbeiten in einer kleinen Kammer unter dem Barcodescanner, wo ihr die Produkte mit eurer Helm-Lampe ableuchtet und „Piep“ macht. Freut es dich, dass deine Arbeit endlich Anerkennung findet?

Es fällt mir schwer, allzu viel Positives darüber abzugewinnen. Der Spot betreibt doch sehr viel Schönfärberei und stellt unser Schicksal als eine Art niedliches Weihnachtsmärchen dar.

Wie ist es denn in Wirklichkeit?

Wir sprechen hier von Arbeitsschichten von zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Jeder von uns arbeitet und wohnt in vollkommener Isolation in diesen Kammern. Austreten, während die Waren über das Rollband kommen, geht nicht – wer pinkeln muss, tut das während der Arbeit in eine kleine Flasche. Essenspausen ergeben sich auch jeweils nur, wenn sich die Kassiererinnen kurz abwechseln. Dann bleiben jeweils etwa 20 bis 30 Sekunden, um von einer Salamischeibe abzubeissen oder so. Und dann gibt es auch noch die Kollegen, die in Filialen wie jener am Zürcher HB schuften müssen. Die meisten von ihnen halten es dort keine drei Monate durch.

Solch traurige Szenen spielen sich täglich in der ganzen Schweiz ab
Solch traurige Szenen spielen sich täglich in der ganzen Schweiz ab
Migros

Und was geschieht dann mit ihnen?

Die grossen Kulleraugen von F. schweifen mit ihrem Blick in die Ferne. Es scheint, als würde sich in seinem Kopfkino ein grausames Lichtspiel drehen.

Darauf möchte ich nicht antworten.

O-okay. Selbstverständlich. Wie sieht es überhaupt mit dem Entgelt aus? Was verdient ein Barcodewichtel?

Wir erhalten freie Logis und Kost – meist Kanapees, die am Ende des Tages in er Gourmessa nicht verkauft wurden. Das war es dann aber auch schon, als Wichtel haben wir auch keinerlei Anrecht auf eine Pensionskasse oder so. Krankenversichert sind wir auch nicht, selbst wenn uns der Arbeitshelm mit seiner Infrarot-Leuchte permanentes Kopfweh beschert. Manchmal habe ich Angst, was das für Langzeitschäden anrichten könnte.

Warum betreibt die Migros ihre Kassen überhaupt mit der Hilfe von Wichteln? Wäre es durch den technischen Fortschritt nicht längst möglich, diesen Vorgang komplett zu automatisieren?

Absolut, aber die Umrüstung kostet ein Vermögen. Doch vielleicht beginnen die Leute da draussen jetzt durch diesen Werbespot und insbesondere dieses Interview, sich mit unserem Schicksal auseinander zu setzen und bauen genügend Druck auf, um uns eine würdigere Existenz zu schaffen. Ich meine, selbst die Kinderarbeiter, die in China all diese Smartphones zusammenbauen, haben wenigstens einen Pausenraum mit einem Snackautomaten.

Es wäre das mindeste. Vielen Dank für das Gespräch und möge 2018 das Jahr werden, in dem die Barcodewichtel endlich Gerechtigkeit erfahren.

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Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Printausgabe von LikeMag. Du findest sie in Zeitungsboxen an hochfrequentierten Standorten in Zürich, Bern und Basel oder hier online. Viel Spass beim Weiterstöbern!

Publiziert am 18.12.2017 / 06:39