War die Schweizer Jugend jemals cooler als auf diesen Fotos?

Der neue Bildband "Swiss Rebels" gibt Einblick in die Gegenkultur von damals.

Vor den Punks und Hippies und weit bevor der erste Hipster sich auf Instagram in Szene setzte, äugte die Schweiz misstrauisch auf die Jugendkultur der Halbstarken: Noch nicht ganz erwachsene Männer und Frauen sattelten die Töfflis, bastelten sich ausladende Gürtelschnallen und trugen die Jeansjacke als wäre es ein überlebenswichtiges Körperorgan.

In den 50er und 60er Jahren bastelte sich die Jugend der Schweiz mit Einflüssen aus den USA eine ganz eigene Protestbewegung und Lebensweise: "Spiessertum" war über allem verpönt, Flaschenbier und Freiheit dagegen das oberste Ziel. Einen faszinierenden Blick auf die damalige Kultur gibt jetzt der neue Fotoband "Swiss Rebels" von Karlheinz Weinberger.

"Nicht ohne meinen Elvis"
Estate Karlheinz Weinberger/ Courtesy Esther Woerdehoff, Steidl Verlag

Weinberger arbeitete zeitlebens als Lagerist und betrieb die Fotografie nebenbei als Hobby. Zunächst knipste der 1921 geborene Zürcher junge Männer in erotischen Posen ab und veröffentlichte diese unter dem Pseudonym "Jim" in der Homosexuellenzeitschrift Der Kreis. Ab 1958 konzentrierte sich der Fotograf auf die insbesondere im Zürcher Niederdorf florierende Halbstarken-Szene.

Do-it-Yourself-Gürtelschnalle: Dörfs es bitzeli meh sii?
Do-it-Yourself-Gürtelschnalle: Dörfs es bitzeli meh sii?
Estate Karlheinz Weinberger/ Courtesy Esther Woerdehoff, Steidl Verlag

Elvis Presley und James Dean hiessen die Vorbilder der Jugend, einige besonders verwegene Männer liessen sich sogar Tätowierungen stechen und sorgten damit bei der gutbürgerlichen Bevölkerung für Entsetzen. Weinberger dagegen war fasziniert von der Kultur und setzte die Aussenseiter unverfälscht in Szene, meist in einem improvisierten Fotostudio bei sich zu Hause im Zürcher Chreis Cheib.

Beachbodys am Badesee
Beachbodys am Badesee
Estate Karlheinz Weinberger/ Courtesy Esther Woerdehoff, Steidl Verlag

Besonders interessant sind jene Fotos, auf denen das jugendliche Rebellentum auf Schweizerische Landschaftsidylle trifft. Harte Rocker in den Alpen, Möchtegern-Elvisse im Wald: Für die meisten Jugendlichen hierzulande blieb der "American Dream" damals eben nur ein Traum, mit dem sich das von ihnen als kleinkariert und provinziell empfundene Alltagsgefängnis ein wenig besser ertragen liess.

Irgendwo zwischen Keuschheitsgürtel und Rambo-Ausrüstung
Irgendwo zwischen Keuschheitsgürtel und Rambo-Ausrüstung
Estate Karlheinz Weinberger/ Courtesy Esther Woerdehoff, Steidl Verlag

Auf den Portraits von Karlheinz Weinberger sahen sie jedoch trotzdem die Welt: Seine Aufnahmen wurden bereits in New York, Los Angeles und Toronto ausgestellt. Doch es ging eine ganze Weile, bis eine breitere Öffentlichkeit auf das Werk des Zürchers aufmerksam wurde. Erst im Jahr 2000 wurde ihm mit der Ausstellung "Halbstark" im Museum für Gestaltung die erste grosse Einzelausstellung gewidmet.

Bei diesem Panorama wird selbst ein Halbstarker schwach
Bei diesem Panorama wird selbst ein Halbstarker schwach
Estate Karlheinz Weinberger/ Courtesy Esther Woerdehoff, Steidl Verlag

Das Fotoband "Swiss Rebels" (erschienen im deutschen Steidl Verlag) ist nun das erste Buch, das sich umfangreich mit dem Schaffen von Karlheinz Weinberger beschäftigt. In Wort und Bild vermittelt es einen faszinierenden Einblick in seine Arbeiten und die Zeit, in der diese entstanden sind. Das Resultat ist ein würdiges Denkmal für den im Jahr 2006 verstorbenen Fotografen und Zeitzeugen.

Wenn der Berg ruft, rufen die Halbstarken zurück
Wenn der Berg ruft, rufen die Halbstarken zurück
Estate Karlheinz Weinberger/ Courtesy Esther Woerdehoff, Steidl Verlag

Kaufen kannst du "Swiss Rebels" hier. Dort findest du auch weitere Bilder und alle Infos zum Buch.

Publiziert am 24.08.2017 / 14:13